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Ich bin mit meinen Geschwistern auf dem Land aufgewachsen. Als wir klein waren, hatten wir noch Schweine und Hühner, und natürlich bauten meine Eltern jede Menge Gemüse und Blumen selber an. Unser Haus stand damals relativ allein gelegen zwischen Äckern und Wiesen, mit einigen anderen Häusern verstreut in der weiteren Umgebung. Mit den Kindern aus diesen Häusern verbrachten wir unsere Zeit im Freien, erforschten Felder, Bäche und Wälder. Es war eine riesige Welt, der wir uns mit gehörigem Respekt näherten. Zu Fuß oder mit dem Fahrrad, fast immer zusammen, allein ging keiner von uns in den Wald oder auf die Wiesen. Wir verbrachten fast jede verfügbare Minute draussen, ohne dass wir je darüber nachgedacht hätten was uns denn so nach draußen zog? Wenn ich traurig war, kletterte ich oft auf einen Baum, und saß lange Zeit dort oben, manchmal stundenlang. Damals lernte ich die Anwesenheit der Bäume spüren, ich fühlte sie, und wusste einfach dass sie ganz lebendig , ganz da waren.

Später dann taten es mir die Berge an, ich war schon Sannyasin, hatte die Himalayas gesehen, und erlebt, mit allen Strapazen, und war sprachlos gewesen, von der schier überwältigenden Schönheit, und der „Energie“ der majestätischen Bergriesen. Und ich war berührt davon, wie einfach dort das Leben doch sein kann, zwar auch anstrengend, aber trotzdem „irgendwie“ runder, freier, als das mir bekannte Leben in der modernen Stadt. Die Menschen schauten trotz der Armut und der absoluten Einfachheit ihres Lebens zumindestens dem Aussehen nach keineswegs unglücklicher aus als wir Westler, im Gegenteil.

Damals lebte ich in der Stadt, im Osho Tao Zentrum in München. Und ich erinnerte mich daran, dass es auch in der Nähe von München Berge gibt. An meinen freien Tagen im Osho Tao, wo ich für lange Jahre lebte und arbeitete, zog es mich in die Berge. Und zwar immer in den Karwendel, weil der so wild und weit ist. Im Karwendel gibt es keine Bergbahnen, und keine Durchgangsstrassen, man muss dort einfach zu Fuss laufen, und trifft dann auch nur Menschen, die die Welt der Bequemlichkeiten verlassen haben.

Ich liebte es beim Vollmond oder im Winter im Karwendelgebirge zu wandern. Aber was um alles in der Welt suchte ich dort? Warum ging ich immer wieder genau dorthin? Und weshalb zu ganz ungewöhnlichen Zeiten, im Winter, oder sogar Nachts?

Hatte ich im Center nicht alles was ich brauchte, Menschen, Meditation, einen Meister, Wachstumsmöglichkeiten und Herausforderungen von morgens bis abends? Ich dachte damals nicht groß darüber nach, aber was ich jetzt sehe ist folgendes: Was mich dort hinzog war ein ganz einfaches und doch tiefes Gefühl: Das Gefühl klein zu sein. Mit klein sein meine ich die Empfindung, wahrzunehmen wie die eigene Größe auf das richtige Mass zurückschrumpfte. Allein im Schnee bei Sonnenuntergang auf einem Berg zu stehen, warm eingepackt, und die verschneiten Gipfel im stahlblauen Abendlicht von Horizont zu Horizont dunkler und dunkler werden zu sehen, zu wissen dass noch der Abstieg ins Tal in der Dunkelheit kommt, liess mich spüren, wie gross die Welt um uns herum ist, und wie verletzlich unser eigenes Leben doch ist. Oft fragten mich Freunde oder meine Eltern, warum ich das mache, das sei doch viel zu gefährlich. Riskiert habe ich dabei absichtlich nie etwas, ich war im Gegenteil vorsichtiger und achtsamer als sonst in meinem Leben, weil ich spürte wie schnell ein falscher Schritt im Winter allein in den Bergen das Ende sein könnte. Und was ich von diesen „Ausflügen“ mitbrachte war immer dieses Gefühl von Bescheidenheit, und tiefer Ruhe. Die Wahrnehmung von viel Platz um mich herum. Und ich brauchte dieses Gefühl an so einem pulsierenden Ort wie dem Osho Tao Zentrum. Es war wie der andere Flügel eines Vogels, und zum Fliegen braucht man eben beide Flügel.

Meine Exkursionen waren für mich wie eine Visionssuche, jede Woche aufs Neue, und ich bekam dadurch so unendlich viel geschenkt. Wie sagen die doch die Mystiker des nahen Ostens? „Der Mensch findet zu seinem Menschsein in der Wüste“. Im Alleinsein.

Ich brauchte dieses Alleinsein, aber nicht in der Wohnung, sondern eingebunden in die Natur, um mich zu spüren, mich ganz allein, ohne die Hunderttausend Einflüsse von Menschen um mich herum von morgens bis abends, und um an mich erinnert zu werden. Es war jedesmal wie eine kleine neue Geburt.

Jetzt lebe ich wieder auf dem Land, in der Natur, immer noch in einem Osho Zentrum, im Shangri La, und morgens schweift mein Blick oft über die weite, offene und hügelige Landschaft.Und ich sehe die kleinen Veränderungen von Tag zu Tag, und nehme wahr wie schnell sich doch alles verändert. Kaum blühen die ersten Blumen im Frühjahr, und schon blühen auch die Bäume, und alles wird so richtig grün. Dann kommen schon wieder die Kirschen, die Himbeeren, die Erdbeeren im Garten, das Getreide wächst und reift auf den Feldern, und der Sommer ist da. Bald gefolgt vom Herbst. Es ist unglaublich wie schnell um uns herum Veränderung geschieht, wie das Leben seinen Gang nimmt. Und es ist einfach ein fantastisches Gefühl z.B. Kräuter zu sammeln oder Äpfel zu ernten und sie dann einzulagern. Wenn die Luft schon wieder kühl wird, draussen zu sein und zu ernten. Ich bin zutiefst dankbar, so etwas erleben zu dürfen, zu spüren, was ernten wirklich heisst.

Das sind die Momente, wo ich mich als Teil eines grösseren Ganzen fühle.

Und es gibt auch die schwierigen Augenblicke, wenn ein Sturm eine ganze Reihe von geliebten wilden Kirschbäumen umlegt. Dann fällt es mir zuerst schwer anzunehmen, dass auch Zerstörung dazu gehört. Die Natur fragt nicht nach meinen Vorlieben oder meinen Vermeidungsstrategien, sie ist wie ein unbestechlicher Meister, der nicht mitspielt, wenn ich irgendetwas vermeiden will.

Das ist es, warum die Natur so wichtig ist für mich, sie bringt mich essenziell in einen Zustand der Verbundenheit, des Einsseins, wo das „Ich“ kleiner wird, und das Gefühl des Eingebundenseins in das Ganze an die Stelle dieses Ichs tritt.

Lange Jahre schon arbeite ich als Therapeut. Was ich dabei erkannt habe ist, dass Menschen sich verändern, wenn sie mit der grösseren Seele des Ganzen in Einklang kommen, wenn sie ihr Eingebundensein anerkennen. Das ist oft unbequem, anstrengend, oft sehr schmerzhaft, und doch gibt es eine ungeheure Kraft, für die man sich nicht anstrengen muss.

Genau das ist es was ich mit der Natur immer schon erlebt hatte, nur wusste ich nicht was es eigentlich war, was mir dabei soviel Kraft gab. Die Berge hatten mich immer schon fühlen lassen, wozu ich lange Jahre Therapie und Meditation brauchte. Natürlich war das Verstehen das dabei geschah auch ganz Wesentlich, und v.a. die Begegnung mit den Menschen, aber es war wie wenn die Natur mir etwas gab, was noch tiefer lag als das Miteinander mit den Menschen, oder vielleicht besser gesagt was dem Miteinander mehr Tiefe gab.

Die Indianer gingen für Tage in die Natur, um Visionen zu suchen. Der Mensch kann sich nur allein in der Natur so weit aufmachen für diese Leere, in der die andere Welt zu ihm sprechen kann. In Meditation fand ich die Leere langsam, manchmal jedenfalls, und in Stille. In der Natur fand ich das Teilsein, das Eingebundensein. Beides war mir gleich wichtig, und ist mir gleich wichtig.

Diese andere Welt ist immer da, wir sind nur meistens zu beschäftigt oder zu bequem, um den Preis dafür zu bezahlen. Ich habe es aber noch nie bereut, wenn ich die Bequemlichkeit zurückliess, und mich in Dunkelheit und Kälte, oder im strömenden Regen den Naturgewalten aussetzte.

Nie werde ich vergessen, wie ich einmal in einen tobenden Wintersturm hinauswollte, und ich zuerst wieder die Tür vor mir zuschlug, weil mir der eiskalte Schneesturm einfach den Atem verschlug. Mit einem Tuch vor dem Gesicht wagte ich es noch einmal, und es war eines der tiefsten Gefühle die ich je empfand: Der Wind ging durch mich hindurch, so fühlte ich es, und bliess alles was „mich“ ausmachte einfach weg, und als ich wieder nach Hause kam, war ich nicht mehr da. Das Ich kam erst später zurück. Klar kam es wieder, aber trotzdem, es war eine meiner ersten Erfahrungen von einem Zustand jenseits des Ichs, lange bevor ich Osho traf…

Das ist es was Natur für mich so wichtig macht, Meditation geschieht dort einfach von selbst, ohne mein Tun, ohne Wollen, und der Grössenwahn des Ichs, der Persönlichkeit, wird einfach weggeblasen vom Wind, wenn ich nur den kleinen Schritt vor die Haustür mache.

Mein allertiefstes Erlebnis in der Natur möchte ich zum Schluss erzählen:

Es war einer jener Tage im Winter an denen ich allein in den Karwendel fuhr. Es schneite, ein heftiger Wind wehte, alles andere als ein Wetter um in die Berge zu gehen. Die Tage davor hatte es getaut und dann wieder gefroren, so dass der Schnee jetzt richtig fest war, und ich gut darauf gehen konnte. Ich hatte kein Ziel, stapfte nur einfach bergauf, so weit es halt gut gehen würde. Der Wind war eisig, Schneeflocken wehten waagerecht durch die Luft. Je höher ich kam desto fester wurde der Schnee, das Gehen wurde immer leichter, fast wie im Sommer, so fest war der gefrorene Schnee, und ich kam gut voran. Warm eingepackt, die Augen halb zu wegen des eisigen Windes. Ich kannte diesen Berg, er war mir vertraut. Bald würde ich oben sein. Als ich vielleicht noch zwei oder drei Meter vom Kamm entfernt war, hörte ich plötzlich ein Rauschen über mir, dort wo kein Berg mehr war, ich blickte verdutzt nach oben, und die Zeit blieb für mich stehen: Ganze zehn Meter schräg über mir schwebten zwei Adler auf der Stelle in der Luft, und hielten ihre Position im eisigen Wind mit wenigen Bewegungen ihrer Federn an den Flügelspitzen. Sie blickten mich Auge in Auge an. Ich glaube sie waren genauso überascht wie ich, bei diesem Wetter jemandem zu begegnen. Es war wie ein Moment ausserhalb der Zeit, der mir wie eine Ewigkeit erschien, diese riesigen Adler fast zum Greifen nahe. Da war kein Moment der Angst, oder der Gefahr, weder bei mir noch bei den Adlern, es war einfach eine Begegnung. Wir schauten uns an, ohne jede Bewegung. Alles was ich spürte war eine immense Präsenz. Irgendwann glitten sie dann ohne sichtbare Bewegung über mich hinweg weiter den Kamm entlang und verschwanden im Schneesturm. Ich kauerte in der Kälte des Sturms, war unfähig mich zu bewegen. Aber all das zählte nicht, ich fühlte mich so reich beschenkt. Ich wusste, dass man so etwas nicht oft im Leben bekommt, viele Menschen vielleicht überhaupt nie. Ich kostete dieses Gefühl , so lange ich nur konnte aus, bis mich der eiskalte Wind zwang, mich wieder zu bewegen, und talwärts zu gehen. Es dauerte lange bis ich wieder halbwegs warm wurde, aber was soll’s! Das ist jetzt fast fünfundzwanzig Jahre her, die Augen des Adlerpärchens sehe ich immer noch vor mir, und den Sturm mit seiner Kälte kann ich immer noch spüren, und diese immense Präsenz des Augenblicks auch.

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